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Die Entwicklung der Kräuterbücher

Von Alexander Glück

 

In kaum einer anderen Buchgattung lassen sich Genesen, Entwicklungen und Veränderungen so gut verfolgen wie bei den Kräuterbüchern, jenen handgeschriebenen oder gedruckten medizinisch-pharmazeutischen Werken, die mit einer beachtlichen Menge von Originalen und etlichen Faksimileausgaben nahezu lückenlos dokumentiert sind. Jedoch darf der übergeordnete Begriff nicht dazu verleiten, von einer Einheitlichkeit dieser Bücher auszugehen; die Gattung zerfällt in zahlreiche Gruppen, die sich wiederum in verschiedene Spielarten unterteilen lassen. Zu den wertvollsten und berühmtesten Herbarien der Welt gehören zweifellos der "Wiener Diosorides", eine im 6. Jahrhundert entstandene byzantinische Handschrift, sowie Peter Schöffers Ende März 1485 erschienener "Gart der gesuntheit". Dieses Buch und sein lateinischer Vorläufer "Herbarius" (1484) gehen auf das Werk des italienischen Arztes Matthaeus Platearius zurück, das wegen seiner Anfangswörter allgemein "Circa instans" genannt wird. Der "Gart der gesuntheit" wandte sich mit seiner deutschen Sprache und den eingängigen Illustrationen an ein breites Publikum, er wurde ein großer Erfolg und erlebte zahlreiche Nachdrucke. Die Manier der Abbildungen folgt noch weitgehend dem gotischen Schema der Handschriftenilluminationen; die Pflanzen wurden flächig, unbelebt und allegorisch dargestellt, eine naturalistische Abbildungsweise setzte sich nur allmählich durch. Unter den 150 Holzschnitten finden sich jedoch 65, die sich bereits von dieser Gewohnheit lösen und nach der Natur angefertigt sind. Schöffers Pflanzenbuch steht damit am Anfang einer langen Reihe gedruckter Herbarien, denen das Merkmal eigen ist, überliefertes Wissen zu kompilieren und sich im so entstandenen Text auf die alten Kapazitäten zu berufen. Lange Zeit wurden große Ärzte bei den verschiedenen Indikationen in den Zeugenstand gerufen.

In der mit tiefgreifenden Veränderungen einhergehenden neuen Zeit der Renaissance schufen Holbein, Dürer, Birkmeyer und Lucas Cranach ihre Werke und beeinflußten damit die bildende Kunst für Jahrhunderte. Man erkannte, welche Schönheit von den Pflanzen ausging; das Interesse an Pflanzenabbildungen nahm zu. Wohl auch deshalb, jedoch auch aufgrund des Willens, die Dinge der Natur zu ergründen, kam es in dieser Zeit zu einer Blüte der Herbarien, die nun von humanistischen Botanikern verfaßt wurden. Nach 1530 entstanden Kräuterbücher, die zu den schönsten naturkundlichen Werken überhaupt gehören. Die Beobachtung der Natur und die Empirie lösten das alte scholastische Denken ab. In der Illustration der Herbarien löste das naturalistische das allegorische Abbild ab. Otto Brunfels war der erste Verfasser eines Kräuterbuches aus diesem neuen, humanistischen Geist, es erschien 1530. Der Schöpfer der Abbildungen, Hans Weiditz, war Schüler Dürers und zeigte die Pflanzen so, wie sie wirklich waren: mit ein oder zwei welken Blättern, angefressen oder auch beschädigt. Wenige Jahre danach, 1543 in Basel, wurde das Kräuterbuch des Leonhard Fuchs gedruckt, das ebenfalls Abbildungen von besonderer Qualität enthält. Fuchs beschäftigte für die Illustrationen drei Künstler, vermutlich war sogar Hans Holbein an dem Projekt beteiligt war. Der italienische Hofarzt Kaiser Maximilians I., Petrus Andreas Matthiolus, schuf — ausgehend von dem Werk des Pedanius Dioscorides — ein weiteres, großartiges Herbarium, das in zahlreichen Ausgaben in verschiedenen Sprachen erschien und bis ins 17. Jahrhundert aufgelegt wurde, unter anderem auf Deutsch. Als durch diese Veröffentlichungen eine besondere Nachfrage nach den Pflanzenbüchern geweckt worden war, entschlossen sich auch der Frankfurter Drucker Christian Egenolph und sein Schwiegersohn, der Stadtarzt Adam Lonitzer, zur Herausgabe eines solchen Werkes, und sie hatten großen Erfolg. Inhaltlich stellt das neue Werk eine Zusammenstellung älterer Autoren dar, doch finden sich darin auch neue Pflanzen aus Amerika, beispielsweise Tabak, Guajak und Sarasparille. Als Volksbuch konzipiert, wurde es bald von wissenschaftlichen Mitarbeitern redigiert und hielt sich bis 1783. Der erste, der die Pflanzen mit detaillierten Beschreibungen von Wachstum und Blüte versah, war der Schweizer Gelehrte Konrad Gessner, der auch Mineralien und Tiere sehr ausführlich beschrieb. Die Druckstöcke seiner Pflanzenabbildungen wurden später von Camerarius verwendet. In Holland erschienen Kräuterbücher von Dodonaeus, Clusius und Lobelius in der Druckerei von Plantin. Mit Bartholomäus Carrichter und Thurneisser zum Thurn veröffentlichten zwei Paracelsus-Anhänger ihre Herbarien, die am Beginn des 17. Jahrhunderts mit allerlei astrologischen Ansichten erschienen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß nicht wenige der in Carrichters "Horn des Heyls menschlicher Blödigkeit" enthaltenen Ansichten über ""himmlische Einfliessungen"" und dergleichen heute wieder sehr im Schwange sind. Mit Caspar Bauhinus begannen die Verfasser der Herbarien allmählich, sich um die Ordnung und Klassifikation der in ihren Büchern enthaltenen Pflanzen Gedanken zu machen. Das umfangreichste Kräuterbuch legte Jacobus Theodorus Tabernaemontanus ab 1588 vor. Dieses Buch erschien bis 1731 und vereinigt gut dreitausend Pflanzen und Variationen, jeweils verschiedene Arten der Gewächse. Der "Tabernaemontanus" ist ein großes, schweres und unhandliches Werk, ersetzt jedoch eine ganze Reihe anderer Kräuterbücher. Für unterwegs bildete sich bald der Typus des Compendiums heraus, wie es zu den Kräuterbüchern von Matthiolus, Fuchs und anderen erschien. Dabei handelt es sich um kleine, textlose Bücher, die eher als Bestimmungshilfe denn als pharmakologisches Arbeitsbuch anzusehen sind.

Das siebzehnte Jahrhundert brachte mit dem "Hortus Eystettensis" das mit Abstand schönste und wertvollste Kräuterbuch hervor. Es erschien in großem Format, stellte die Pflanzen in ganzseitigen Kupferstichen dar und hatte nicht die ganze Pflanzenwelt, sondern den Bestand des botanischen Gartens von Eichstätt zum Inhalt. Dieses Werk wurde von dem Nürnberger Apotheker Basilius Besler im Auftrag des Bischofs von Eichstätt angelegt. Zehn Jahre arbeitete der Autor daran, es erschien zuerst 1613 und zuletzt 1713. Das siebzehnte Jahrhundert brachte der Buchgattung der Kräuterbücher dennoch den Niedergang: Es waren inzwischen viele Ärzte und Apotheker vorhanden, die Selbstmedikation geriet ins Hintertreffen, seit dem "Gart der gesuntheit" hatten bereits etwa hundert Herbarien die Druckerpressen verlassen und kursierten in großen Auflagen. Die barocke Freude am Ornamentalen und Zierlichen führte dazu, daß die Pflanzenabbildungen nur mehr in dekorativer Hinsicht beachtet wurden, die jüngeren Kräuterbücher hatten botanisch-deskriptiven Charakter, die einstige Bedeutung des Herbariums als universelles Heilbuch schwand dahin. Auch der "Hortus Eystettensis" ist den großen Medizinbüchern von Fuchs, Brunfels, Matthiolus oder Tabernaemontanus in Hinblick auf Inhalt und Spektrum weit unterlegen. Gleichzeitig erwachte das Interesse an Esoterischem, man beschäftigte sich mit Paullinis "Heylsamer Dreckapotheke", einem Buch, das die meisten Krankheiten mit Fäkalien zu kurieren versprach und von 1696 bis 1847 in vielen Auflagen erschien.

In der Zeit, die seither vergangen ist, entstand die moderne Klassifikation des Pflanzenreiches, die auf Carl von Linné (1707—1778) zurückgeht. Mit dem von ihm neugeschaffenen System, das keineswegs die erste sinnvolle systematische Klassifikation darstellt, wohl aber die genaueste und umfangreichste ist, gingen wiederum einige Veröffentlichungen einher, die sich als Arbeits- und Bestimmungsbücher verstanden. Valentinus, Trew, Mrs. Blackwell und Zorn seien stellvertretend für diese neuen Autoren angeführt. Das 1719 von Valentinus in Frankfurt a. M. herausgebrachte Regimen sanitatis war mit Kupferstichen von Matthaeus Merian ausgestattet. Ausgezeichnete und sogar farbige Abbildungen im Kupfertiefdruck brachte auch die Phytantozoiconographica des Regensburger Apothekers Weinmann.

Eine Beschäftigung mit der Geschichte der Kräuterbücher von der Warte der historischen Buchkunde ist immer auch eine Beschäftigung mit den dabei angewendeten Druckverfahren. Waren die ersten gedruckten Herbarien noch im Holzschnitt, also im Hochdruck entstanden, so wurde jedes neu errungene Druckverfahren sogleich in den Dienst der pharmazeutisch-botanischen Abbildung gestellt. Deshalb sind in allen denkbaren Druckverfahren immer wieder auch Herbarien entstanden — repräsentative Beispiele im Kupferstich, in der Lithographie, Stahlstich, Xylographie und auch in den neueren Techniken sind leicht zu finden. Ganz besondere Druckwerke entstanden jedoch in einem Verfahren, das die abzubildende Pflanze selbst zum Druckstock erhob: im Naturselbstdruck. Bereits um 1400 färbte man Pflanzenteile ein und preßte sie wie Stempel auf die Seiten der Manuskripte. Dieses Verfahren wurde allmählich vervollkomnet, und man ging sogar so weit, die getrockneten Pflanzen auf Bleiplatten zu pressen und anschließend diese Platten im Tiefdruckverfahren abzudrucken. Was dabei herauskommt, läßt sich an Realismus und Detailtreue nicht überbieten, jedoch ist es nicht vom bildnerischen Schaffen eines Künstlers geprägt und wirkt daher etwas unbeseelt. Hinzu kommt, daß sich das eigenwillige Verfahren aufgrund des Vormarsches neuer Drucktechniken nicht behaupten konnte.

Die alten und neueren Kräuterbücher wurden immer wieder von Verlagen für Reproduktionen herangezogen, wobei zu beobachten ist, daß ausgesprochene Publikumsverlage sich eher der Veröffentlichungen des neunzehnten Jahrhunderts annehmen, während die bibliophilen Programme der Faksimileverlage sich weit mehr um alte Handschriften und frühe Druckwerke verdient machen. Derzeit ist die Dioscorides-Handschrift allein in Österreich in zwei Ausgaben verfügbar, den Tacuinum Sanitatis gibt es in Spanien und Österreich gleich dreifach, andere Werke noch öfter. Das bietet den großen Vorteil, die Entwicklungsgeschichte dieser Buchgattung durch Vergleiche zu untersuchen, ohne die Originale benutzen zu müssen. Dem Sammler bietet sich die Möglichkeit, eine umfassende Bibliothek medizinhistorischer Denkmäler zusammenzutragen. Der Grund für die regelrechte Popularität der Kräuterbücher mag in dem optischen Reiz liegen, den sie auch heute noch auf den Betrachter ausüben, doch ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß die Herbarien von ganz verschiedenen Disziplinen befragt werden können. An den mittelalterlichen pharmazeutischen Handschriften lassen sich zahlreiche Aspekte der Alltagskultur, der Volkskunde, sogar der jeweiligen Bekleidung der Menschen ablesen; wir erfahren Einzelheiten über den Glauben der Menschen an Heilkräfte und Zauberei. Wie auch in der Geschichte gedruckter Kräuterbücher das verwendete Druckverfahren immer von großer Bedeutung für die Qualität des Buches war, so ist heute die Faksimileausgabe daraufhin zu untersuchen, ob sie das bestmögliche Druckverfahren nutzt. Dies kann wohl im Lichtdruck gesehen werden, der lange für solche Buchproduktionen verwendet wurde. Inzwischen hat sich nicht nur bei deutschen und österreichischen, sondern auch den spanischen und italienischen Verlagen der Offsetdruck durchgesetzt, weil er kostengünstiger ist. Ob die Reproduktion von der Bildqualität und der Gesamterscheinung her der Vorlage wirklich nahe kommt, entscheidet nicht zuletzt das Druckraster.

Die Musiksequenz wird mit Erlaubnis der Classical Piano Midi Page verwendet. Das Urheberrecht liegt bei Bernd Krüger.

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