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Der Bézard-Kompaß

Von Alexander Glück

 

Nahezu mystischen Beiklang hat das Wort "Kompaß" zu allen Zeiten gehabt, vor allem bei jenen, die mit den Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten bei seiner Anwendung nicht vertraut sind — Ursache mag das bis heute nicht restlos geklärte Phänomen des Erdmagnetfeldes und die gleichsam magische Ausrichtung der Kompaßnadel in eine bestimmte Richtung sein. "Kompaß" bedeutet im übertragenen Sinne so sehr "Orientierung" und "Heimfinden", daß das Wort auch in anderen Bereichen, etwa als Buchtitel, verwendet wird.

Das Gerät ist in unzähligen Marken und Modellen auf dem Markt. Viele davon sind technisch sehr ausgereift und stellen eine wertvolle Orientierungshilfe dar. Sogar in digitale und mechanische (!) Armbanduhren baut man schon Kompasse ein, was freilich zu Kompromissen zwingt, und die satellitenunterstützten Navigationsapparate, die neuerdings angeboten werden, sind im weitesten Sinne auch als Kompaß anzusehen, wenn sie auch nach einem prinzipiell anderen System funktionieren.

Als "die Leica unter den Kompassen" kann man das von Johann von Bézard (1871–1954) entwickelte Modell der Firma G. Lufft bezeichnen. Erstmals 1906 auf den Markt gekommen, war es zunächst in einer Ausführung aus Holz und einer aus Aluminium mit Spiegel lieferbar. Neu an diesem Gerät waren die Möglichkeiten, die es bot. Als erster richtiger Marschkompaß erlaubte er eine Ermittlung der Marschrichtung aus der Karte, das Peilen im Gelände, Orientierung durch Seitwärtseinschneiden und Rückwärtsabschneiden sowie Geländeaufnahme durch Winkelmessungen und Streckenermittlung.

Bis dies alles präzise durchgeführt werden konnte, brauchte es jedoch noch einige Zeit. Die Deklination war beim Ur-Bézard auf 9° als Durchschnittswert fest eingestellt, und erst die späteren Modelle verfügten über eine Möglichkeit zum Verstellen der Deklination. Doch schon 1907 wurde das Holzmodell bei der k.k. österreichischen Landwehr eingeführt. Später setzte man Bakelit für den Gehäuseboden ein, doch allein Aluminium bewährte sich dauerhaft. Bis auf die Flüssig-Modelle kommt der Bézard bis heute völlig ohne Kunststoff aus. Lediglich für die Skalenscheiben verwendete man Cellophan oder Kunststoff.

In der Folgezeit wurden verschiedene Verbesserungen vorgenommen, doch Form und Konstruktion sind im Grunde gleich geblieben und standen Pate bei der Geburt etlicher anderer Marken. Vieles, was der Bézard heute noch hat, etwa die Aussparung im Deckel, mit deren Hilfe man den Kompaß in eine am aufgepflanzten Wanderstock festgeschraubte Richtklemme einhängen kann oder die Arretierung der Nadel sind schon beim ersten Modell vorhanden. Das Gehäuse für die Nadel, auf der bis in die 1920er Jahre ein weißer Pfeil aus Pappe angebracht war, kann man bei den alten Modellen herausnehmen, später wurde es durch eine Aussparung im Gehäuseboden ersetzt.

Überhaupt scheint die Konstruktion der älteren Modelle eher aufwendig — ein neuer Bézard kommt mit viel weniger Kleinteilen aus. In den Lehrbüchern Rudolf Gallingers, eines Majors aus Graz, der Oberst Bézard im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft kennenlernte und mit seinem Kompaß zurück in die Steiermark fand, finden sich Abbildungen, die den Kompaß schon um 1930 in seiner heutigen Form zeigen, wenn auch Abweichungen bei der Aufhängeöse und dem Neigungspendel und das Fehlen der Halterung für ein Lineal bei den heutigen Modellen erkennbar sind.

Den verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten wurde durch mehrere Modelle Rechnung getragen. Da ist zunächst das einfache Modell, der reine Kompaß, den es übrigens schon sehr früh mit Flüssigkeitsfüllung gab. Eine sinnvolle Zusatzausstattung stellt das Neigungspendel dar, das zusammen mit den Visierfäden die Ermittlung von Höhen erlaubt. Auf einen planen Untergrund — etwa einen Ski — aufgelegt, zeigt der Kompaß Böschungsneigungen an. Die Bodenlibelle, die in das Spezialmodell eingelassen ist, ist für Anwendungen gedacht, wo es auf möglichst hohe Präzision ankommt. Ohne Stativ wird sich diese aber kaum erreichen lassen.

Daß der Bézard-Kompaß aus dem militärischen Bedarf entwickelt wurde, ist an der Möglichkeit, mit ihm behelfsmäßig Artilleriegeschütze einzurichten, zu sehen. Ein Kriegsgerät ist er trotzdem nicht. War die endgültige Form schon früh gefunden, wurde bis zuletzt noch mit der Leuchtmasse experimentiert. Zunächst nahm man Radium, das 1960 durch Tritium ersetzt wurde. Die Halbswertszeit dieser Leuchtmasse beträgt 12,3 Jahre, doch ist die Strahlung so schwach, daß sie das Gehäuse nicht durchdringt. Seit Januar 1989 wurde eine völlig strahlungsfreie Leuchtmasse verwendet.

Vieles, was dem Soldaten nützt, wird auch vom Alpinisten geschätzt, etwa die Möglichkeit, mittels Hilfsmarken ein Hindernis ohne Änderung der eingestellten Marschzahl zu umgehen. Doch sind die Hohen Tauern etwas anders als Rußlands weite Ebenen, und die Bedeutung guter Kenntnisse im Kartenlesen zusammen mit einem Höhenmesser ist im Gebirge weit größer als die eines Kompasses. Im extremen Gelände ist er gleichwohl unverzichtbar, und nicht nur bei den Expeditionen zum Nanga Parbat (1953), nach Grönland (1954) und bei der Garhwal-Himalaya-Expedition (1954) war der Bézard mit dabei.

Als präzises, in Handarbeit zusammengesetztes Gerät hat es seinen Preis, wenn man auch eine Menge dafür geboten bekommt. Ein industriell hergestellter Plastikkompaß ist viel billiger und viele davon sind ebenfalls von hoher Qualität, verfügen teilweise sogar über einen Inklinationsausgleich, was der Bézard nie bot. Aber es ist eben wie bei einer Leica: Das Umgehen mit einem guten alten Gerät und das Wissen, daß dieses das Original ist, bereitet Freude. Einen richtigen Sammlermarkt für alte Bézard-Kompasse gibt es allerdings noch nicht, nur manchmal taucht am Flohmarkt ein schönes Stück auf. Die Geschichte des Bézard endet zu einem Zeitpunkt, wo er eben seine strahlungsfreie Idealform gefunden hatte: Die Produktion dieser Marke wurde 1996 eingestellt.

Die Musiksequenz wird mit Erlaubnis der Classical Piano Midi Page verwendet. Das Urheberrecht liegt bei Bernd Krüger.

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