Vom Ermüden eines Films

Von Alexander Glück

 

An einem bestimmten Tag des Jahres 1972 trug sich eine Geschichte zu, die vielleicht folgendermaßen gewesen sein könnte: Ein Herr geht in ein Photogeschäft und kauft einen Film, weil er auf einer Reise ein paar Aufnahmen machen möchte. Der Verkäufer gibt ihm, was er möchte, einen Agfa Isopan-Film, schwarzweiß, für zwanzig Aufnahmen. Der Mann bezahlt, nimmt den Film und geht.

Dann ereignete sich etwas, das die Verwendung des Filmes verhinderte. Vielleicht mußte er die Reise absagen, oder er fand bei der Abfahrt den Film nicht mehr. Vielleicht glaubte er auch, ihn in seine Kamera eingelegt zu haben – um dann auf seiner Reise zwanzig Aufnahmen gemacht zu haben, denen die Bilder fehlen. Jedenfalls wartete der Film geduldig ab, in jeder Sekunde bereit, einen kurzen Lichtblick aufzufangen und in seiner Emulsion zu speichern.

Der Film wartete ein Vierteljahrhundert. 1975 ereignete sich der Terroranschlag auf die OPEC-Konferenz, 1976 stürzte die Reichsbrücke ein, 1983 war der Papst in Wien, Claus Peymann kam zum Burgtheater, das neue Haas-Haus am Stephansplatz wurde gebaut, die Redoutensäle brannten aus, Österreich denkt über die Neutralität nach, Rechtschreibung und Währung wandeln sich. Der Film wartete auf seinen Einsatz.

Ich fand ihn auf dem Flohmarkt in Schwechat; sein Vorbesitzer ist längst gestorben, der Film hat ihn überlebt und wurde nun zusammen mit ein paar alten Blitzbirnchen verkauft. Und die Frage war: Was sieht ein Film nach so langer Zeit? Sieht er nur, was er schon 1972 hätte sehen können? Haben Filme nicht nur ihren spezifischen Kulturkreis, wo sie die überzeugendsten und geschlossensten Bilder liefern, sondern auch ihre eigene Zeit? Und regen sie nicht an, über die eigene Zeit nachzudenken? Es gibt ein paar Bilder von mir, als ich drei Jahre alt war, und sie sind mit solchem oder anderen Filmen aufgenommen worden. Aber eben nicht mit diesem, der unbenutzt in seiner Schachtel lag und sich für das Auffangen von Licht bereithielt. 1,6 Millionen Mal durchmaß das Licht seither den Weg von der Sonne zur Erde und in die Objektive unzähliger Kameras auf unzählige Filme. Dieser lag in der Dunkelheit seiner Blechpatrone.

In einer Versuchsreihe wurde der Film belichtet, und wegen seines Alters mit bis zu fünf Blenden Überbelichtung. Diese Aufnahmen mit der zweiunddreißigfachen Portion Licht brachten die „brauchbarsten“ Ergebnisse; hätte man den Film nach der auf der Schachtel angegebenen Empfindlichkeit belichtet, könnte man nichts mehr sehen. Und die Bilder, die etwas geworden sind, unterscheiden sich von anderen sehr: Der Kontrast ist verloren; wie ein Greis sieht der Film die Welt nur noch in abgestumpften Tonwerten, in denen allerdings auch etwas versöhnliches liegt. Die Radikalität seiner Jugend ist dahin.

Ein Film hat eine Empfindlichkeit, aber hat er auch Empfindungen? Das erste Motiv war ein Haus in Mödling, ganz mit Efeu bewachsen. 1972 sah dieses Haus noch nicht so aus wie heute, wahrscheinlich war die Hauswand noch kahl. Diese Negative eines Hauses, das heute anders ist, verschwanden beim Entwickeln im Labor. Sie fehlen auf dem Film. Die anderen Motive, etwa die Mariensäule Am Hof, haben sich nicht oder nur wenig verändert, und der Film lieferte getreu die Abbildungen dazu. Vielleicht hat er sie selektiert, vielleicht hat die Kamera am Anfang den alten Film nicht richtig transportiert.

Die lange Reise des Filmes endete mit seiner Verwendung; seine negativen Bilder wurden entwickelt und fixiert. Damit erlosch sein photographisches Leben und sein Aufnahmevermögen, doch als sein Ergebnis bleiben ein paar Bilder, die die Welt so zeigen, wie ein durch die Jahrzehnte gereifter Film sie sah.

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