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Hier finden Sie eine Auswahl der Bilder, die ich 1999 in den am 16. August 2001 einer Brandkatastrophe zum Opfer gefallenen Sofiensälen aufgenommen habe. Sie entstanden mit einer Robot Star 25 und einem Xenon-Objektiv von Schneider-Kreuznach mit Brennweite 40 mm auf Schwarzweißfilm. Während die Bilder geladen werden, können Sie den einleitenden Text lesen. Ein Klick bringt Ihnen einen Text über die Clubbings in den Sofiensälen.

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Fulminanter Abgang

Von Alexander Glück

 

Gewaltig wie manches Clubbing, gewaltig wie ihre Architektur und wie ihr stilvoll verluderter Pomp: So gewaltig war auch das Ende der Sofiensäle. In einem letzten großen Spektakel stürzten sie in sich zusammen, nachdem eine Brandkatastrophe der respektablen Alarmstufe 4 die alte Dachkonstruktion in Rauch und Asche verwandelt hatte. Ein großer Untergang wagnerschen Stils war das, und um wieviel würdevoller war er für die Sofiensäle, als von den schon am Horizont sichtbaren Baggern und Abrißbirnen zusammengeschlagen zu werden. Wenn ein Ende der Sofiensäle wirklich unvermeidlich gewesen ist, dann war dem traditionsreichen Veranstaltungsort dieser dramatische Schluß seines Daseins nur zu wünschen.

Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt der Katastrophe ist ihre Wirkung auf den Sinn der Menschen für die Kultur ihrer Stadt. Jetzt plötzlich formiert sich eine Bürgerinitiative, die sich für die Erhaltung der Sofiensäle einsetzt. Jetzt endlich wird auf breiter Front und öffentlich über die schon lange bekannten Pläne um Abriß und Neubau diskutiert. Und ausgerechnet diejenigen, die in den letzten Jahren dem Bauwerk und seinem Image am meisten zugesetzt hatten, nämlich die Clubber, trauern den Sälen am lautesten nach. Sie haben doch noch die Libro Music Hall, da geht´s schließlich genauso. Wer die Sofiensäle auf Wickie, Slime und Paiper reduziert, spricht ihnen die Bedeutung ab, die sie wirklich hatten, und macht sie zu einer beliebigen Location, in der halt dicke Vorhänge waren.

Die Protagonisten sinnloser Feiern kannten die Säle aber auch nicht anders. Unter dem Geflacker bunter Scheinwerfer bewegte sich die anonyme Masse der Clubbing-Besucher zur Begleitung rhythmischer Perkussionen in den großen, denkmalgeschützten Sofiensaal hinein, das Gehämmer des Schlagzeugs zerriß jeden Dialog in wirre Wortfetzen, und hektische Lichtsalven machten aus einer harmlosen Bewegung eine zerhackte Folge von Zuckungen. Wer es zwischendurch nicht mehr ausgehalten hat oder einfach ein Wort mit seinen Freunden wechseln wollte, ist in einen der weitläufigen Flure ausgewichen, welche die Sofiensäle miteinander verbanden. Vielleicht geriet er dabei in den Blauen Salon, in dem ein großer Getränketresen aufgebaut worden war, neben dem es Styropor schneite. Pulsierendes Rotlicht und eine gewaltige Projektionswand mit verschneiten Landschaften ließen seltsame Gefühle aufkommen. Die Gänge waren in tiefrotes Licht getaucht. Nach einer Weile war die Stimmung im großen Saal am Sieden. Eine junge Dame mit Korsett und angesteckten Hasenohren tanzte auf einem Podest etwas vor. Wer lange durchhielt, fand sich gegen vier Uhr früh in einer seltsamen Landschaft wieder, die in weißes Licht getaucht war und mit auf- und abschwellenden Sägegeräuschen beschallt wurde — umgeben von völlig weggetreten Marsmenschen. Schweißgebadete Vortänzer peitschten das Volk an, und es wog sich dankbar im bizarren Takt.

Als man das Gebäude in der Marxergasse 17, das den Namen „Sofiensäle“ trug, für Veranstaltungen dieser Art entdeckte, lagen seine goldenen Zeiten schon sehr lange zurück. Jahrelang waren die Räume dem Verfall ausgesetzt; der Putz löste sich von den Wänden, Fetzen aus Vorhangstoff und Erinnerungen hingen von Eingängen herab, und vergilbte Hinweisschilder wiesen den Weg in das Dunkel der Geschichte. Die Sofiensäle durchliefen eine Agonie, die mit dem Brand den Exitus erreichte. Schon vor Jahrzehnten waren sie zum architektonischen Ballast geworden, zum Spermüll der Ortsgeschichte, zum zweizeiligen Hinweis im Stadtführer. Gleich dem Wrack eines versunkenen Schiffes waren auch die Sofiensäle von jener ästhetischen Verbindung aus Prunk und Moder gezeichnet, die so heimelig angruselt — an einer Änderung dieses Zustandes war eigentlich niemand interessiert. Die Firma Kulturconsult GmbH, die seit September 1999 mit Betrieb und Vermarktung der Sofiensäle beschäftigt war und sich schon davor — während der Pressearbeit für die Cabaret-Inszenierung 1998 — mit dem alten Haus vertraut machen konnte, steht nach eigenen Angaben vor dem Nichts. Bis Februar 2002 schienen dem jungen Unternehmen von Matthias Fletzberger und Sonja Soukup die Verwertungsrechte an der „Sofie“ sicher, und aufgrund einer guten Buchungslage konzentrierten sich die beiden Veranstalter ganz auf dieses Zugpferd. Vier Millionen Schilling steckten sie in die Infrastruktur des heruntergekommenen Hauses, teilweise auf Pump. Falls die Versicherungen nicht zahlen, droht Fletzberger und Soukup der Konkurs. Und weil es in der Vergangenheit so gut gelaufen ist, haben die Leute von Kulturconsult dem Unmut der Sofie-Anhänger ein Ventil geschaffen: In einem virtuellen Kondolenzbuch kann jeder seinem Ärger Luft machen und über Brandstiftung spekulieren. Obwohl Kulturconsult mit Verlusten und Gewinnausfällen in Gesamthöhe von zehn bis fünfzehn Millionen Schilling zu den wirtschaftlichen Verlierern der Katastrophe gehört, schließt auch Matthias Fletzberger Brandstiftung aus, räumt jedoch ebenfalls ein, daß das Unglück den Neugestaltungsplänen auffallend gelegen kommt.

Die Errichtung der Sofiensäle geht auf den Tuchscherergehilfen Franz Morawetz zurück. Dieser wurde 1789 in Raudnitz (Böhmen) als Sohn jüdischer Händler geboren und machte sich in der Textilbranche dadurch einen Namen, daß er das Dekantieren des Tuchs in Österreich einführte. Ein russischer Major brachte ihn auf den Gedanken, in Wien ein russisches Dampfbad einzurichten, und 1826 zog er mit diesem Plan und dem Geld seiner Frau los, um zunächst in der Marxergasse eine Tuchschererei einzurichten. Nach einiger Zeit erblindete er infolge einer Augenkrankheit, leitete jedoch noch selbst den Bau seines Bades, das im Januar 1838 eröffnet wurde. Eine Kammerfrau der dem Bad den Namen gebenden Erzherzogin Sofie gesundete hier während einer Kur, und das Bad wurde populär. Durch die Badelust der Wiener ermutigt, ließ Morawetz 1846/47 nach Plänen von Sicardsburg und van der Nüll das Sofienbad neu errichten; es zählte zu den bedeutenderen Frühwerken der beiden Architekten. Die finanzielle Versorgung wurde durch die Gründung einer Aktiengesellschaft gesichert, während die Wasserversorgung dadurch realisiert wurde, daß das Bad mit dem Donaukanal verbunden wurde. Das Wasser wurde durch Röhren geleitet, gefiltert, gepumpt und erwärmt, so daß die Badegäste im ersten Stockwerk gutes und sauberes Wasser vorfanden. Der Schwimm- und Badebetrieb wurde alsbald aufgenommen. Hier fanden Konzerte und Maskenbälle statt, doch auch Versammlungen mit bis zu 2.700 Personen wurden abgehalten. Damals wie heute ist es bemerkenswert, das Schwimmbecken so anzulegen, daß im Winter Tanz- und Musikveranstaltungen im selben Saal abgehalten werden können. Das Schwimmbecken ließ sich nämlich verschließen: Dadurch erhält der Saal einen unvergleichlichen Resonanzkörper unter dem Fußboden; der Vergleich des elastischen Bodens mit der Decke einer riesenhaften Geige drängt sich regelrecht auf. So stand die Halle wahlweise als Schwimmbad oder als Konzert- und Festsaal zur Verfügung. Johann Strauß Vater dirigierte im Januar 1848 — am Vorabend der Revolution — den Eröffnungsfestball. 1853 startete der Franzose Godard vom Garten aus zum ersten Flug mit einem Gasballon in Österreich.

Um 1860 wurde noch der blaue Salon mit eigener Fassade errichtet, und 1879 wurden im Großen Saal Galerien und Logen eingebaut. Die Sezession beeinflußte die spätere Fassade des Sofiensäle zur Marxergasse, aufgeführt 1899. Im Jahr 1906 wurde der Badebetrieb zwar eingestellt, als Unterhaltungs- und Vergnügungslokal wurden die Sofiensäle aber weiterhin intensiv genutzt. Im Jahre 1948 wurden die Sofiensäle umfangreich saniert und erneuert, allerdings vereinfachte man dabei auch gleich die historische Architektur. Schon Kaiser Franz Joseph I. bemängelte die ungenügende Feuersicherheit des Hauses, das in seiner Pracht den ideale Rahmen für die rauschenden Bälle zwischen Biedermeier und Erstem Weltkrieg abgab. Doch der Ort diente auch für andere Veranstaltungen als Rahmen: Am 22. März 1912 hielt Karl May hier vor über 2.000 Zuhörern seinen bedeutenden Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen!“. Ehrengast war die Pazifistin Bertha von Suttner, doch auch der junge Adolf Hitler saß im Publikum. Der Reinerlös der Veranstaltung kam dem Obdachlosenasyl zugute, in dem er zu dieser Zeit wohnte. Acht Tage nach dem Vortrag war Karl May wieder nach Dresden zurückgekehrt und starb. Hitler aber sollte wiederkommen.

Im Ersten Weltkrieg wurde das Bauwerk zu einem Rekonvaleszentenheim. In seinen Räumen roch es nach Karbol und Jodtinktur, und mancher, der verwundet an die Decke starrte, dachte an einen Offiziersball zurück, den er hier einmal besucht hatte. Später wurden im Sofiensaal wieder rauschende Bälle, Musik- und Operettennaufführungen veranstaltet. Am 17. Juni 1922 fand in den Sälen eine Kundgebung der Nationalsozialisten statt, bei der auch Adolf Hitler auftrat. Zehn Jahre waren seit Karl Mays Rede für Völkerverständigung, für Pazifismus und gegen rassisch motivierten Chauvinismus vergangen. Nun läuteten hier die Nationalsozialisten „im Donner der Rache“, und nicht zum letzten Mal: Am 4. Mai 1926 gründete der Mittelschullehrer Richard Suchenwirth in den Sofiensälen die österreichische NSDAP. Nach den Pogromen vom November 1938 wurden die Säle als Sammelstelle von zur Deportation bestimmten Juden verwendet.

Im Jahr 1946 wurde in den Sofiensälen die Operette „Maske in Blau“ von Fred Raymond uraufgeführt. Aufgrund seiner bemerkenswerten Akustik, die von dem eingezogenen Zwischenboden herrührte, nutzte man den großen Saal für zahlreiche Einspielungen für Schallplattenproduktionen — die Wiener Philharmoniker haben hier viele ihrer Schallplatten aufgenommen (so den „Ring“ mit Sir Georg Solti und die „Elektra“ mit Karl Böhm) — sowie als Veranstaltungsrahmen des ÖGB und anderer Organisationen. Im Keller lagen 1999 noch Gewerkschaftsfahnen, Tonbänder und ähnliche Sedimente der Geschichte herum.

Im Mai 2001 galt als sicher, daß die Säle zu einem Kongreß-Hotel umgebaut werden sollten. Der große Saal sollte als Veranstaltungsraum erhalten bleiben. Schon zu diesem Zeitpunkt reklamierte man die großen Schäden, die Massenveranstaltungen am denkmalgeschützten Saal angerichtet hatten. An einen Wiederaufbau denkt man seitens des Eigentümers jedoch nicht. Bei einer ersten Begehung wies die Baupolizei auf baufällige Wände hin, die rasch abgetragen werden müßen, sagte der Eigentümervertreter der Sofiensäle AG, Rechtsanwalt Karl Pistotnik: „Der Saal ist tot, kaputt, nicht mehr zu verwenden.“ Rasch wurde das Bauwerk mit einem Sicherheitsdienst abgesperrt, bis zum Abbruch durfte niemand mehr hinein. Eine genaue Schadensbegutachtung war deshalb nicht mehr möglich. Fundament und Mauerwerk seien wegen des eingedrungenen Löschwassers nicht mehr stabil, so der Anwalt. Interessant ist aber, daß Pistotnik die Instandsetzung des denkmalgeschützten Saales von Anfang an ausschloß und sich dafür sogar in kulturpolitische Aussagen versteigt. Brandstiftung wurde auch von den Behörden schon recht früh definitiv ausgeschlossen, auch wenn das Feuer den Umbauplänen, in denen der denkmalgeschützte Saal als teurer Ballast mitgeschleppt wurde, sehr zupaß kommt. Am Tag vor dem Brand hatte ein strategischer Partner sein Angebot für einen Einstieg beim Hotel-Projekt vorgelegt.

Nachdenklich stimmt der Eintrag von Norbert Rast in das im Internet eingerichtete virtuelle Kondolenzbuch: Nachdem „zufällig“ bei Flämmarbeiten während der höchsten Tageshitze der Dachstuhl Feuer gefangen hat, „zufällig“ nicht nur keine Vorsorge zu eventuell notwendigen Löscharbeiten getroffen waren, sondern „zufällig“ (Der Standard, 18./19. August) die Feuerlöscher im großen Saal (und ausgerechnet dort) leer waren, man „zufällig“ seit Jahren sorgfältigst vermied, richtige Erhaltungsarbeiten am Gebäude durchzuführen und ebenfalls seit Jahren die Erhaltung und Renovierung des Sofiensaales durch die Besitzer mehr als in Frage gestellt und der Abbruch immer wieder verlangt wurde, sind jetzt alle Wünsche eben dieser Besitzer in Erfüllung gegangen und man kann, mit der Behauptung: „Das Gebäude ist leider nicht wert, wieder instandgesetzt zu werden“, dieses einmal so wunderschöne Vergnügungslokal abreißen und einen viel schöneren Betonklotz hinstellen. Wenn nach der Fertigstellung dieses Betonsilos noch ein paar hundert Schilling übrig sind, läßt man halt in irgendeiner Ecke eine kleine Marmortafel montieren, mit der Aufschrift: „Hier stand einmal der schäbig gewordene Sofiensaal, der Gott sei Dank im Jahre 2001 zufällig abgebrannt ist.“

Als die Wiener Philharmoniker Siegfrieds Tod und Trauermarsch in den Sofiensälen aufnahmen, ahnte noch niemand, daß diese Musik bald dem Gebäude selbst gelten sollte, über dessen Trümmer sich nun für immer der letzte Vorhang gelegt hat.

 

 

 

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