Diese Seite beschreibt das Buch »Der Spendenkomplex«.

Eine Informationsseite zu Alexander Glücks neuem Buch »Die verkaufte Verantwortung« finden Sie hier.

 

Wenn die Vernunft schläft, steuern uns die Bilder!

 

Goyas berühmte Aquatinta-Radierung »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer« paßt wie kaum ein zweites Werk der Kunstgeschichte auf die aktuelle Situation des Spenders: Wo er auf eigene Reflexion verzichtet, wird er durch die Ungeheuer der Bild- und Textbotschaften steuerbar gemacht.

Eine Spendenwirtschaft, die auf dem Boden dieses Prinzips prächtig gedeiht, wird auf die Dauer kollabieren. Sie ist unehrlich, instrumentalisiert das Elend und erniedrigt die Menschen, während sich ihre Aktivisten moralisch überhöhen.

Im professionellen Bereich finanziert das Spendenwesen zwar nicht überwiegend, aber vorrangig sich selbst. Nicht selten werden mit Ihrer Spende zunächst die Drucksachen hergestellt, mit denen dann wieder neue Spender geworben werden. Der Anteil für Werbung und Verwaltung wächst dramatisch und finanziert immer mehr Dienstleister im Umfeld der Initiativen.

Statt dem Verteilungsproblem grundlegend abzuhelfen, begnügen sich viele Spender damit, daß ihnen dieses System die Möglichkeit gibt, sich mit der Gesamtsituation, in der sie bequem leben, zu arrangieren. Den Ausbeutern der Dritten Welt können Sie als Spender keinen größeren Gefallen tun. Warum das so ist und wie es funktioniert, beschreibt das Buch »Der Spendenkomplex«.

 

 

Hier können Sie dieses Buch bei Amazon bestellen.

 

So urteilt die Presse:

Brachiale Selbstreflektion.
(Fundraiser-Magazin, Dezember 2008)

 

Kritische Bestandsaufnahme der Spendenkultur.
(Deutscher Fundraising-Verband, 28. Oktober 2008)

 

Bemerkenswertes Buch!
(Stiftung&Sponsoring, 2/2009)

 

Die Denklinien sind schlüssig, ihre Darstellung laviert zwischen geschmeidigen Schilderungen und Hammerschlägen, und beim Verteilen von Kopfnüssen spart sich der Verfasser selbst nicht aus — schon deshalb ist dieses Buch lesenswert.
(Buchhändler heute, September 2008)

 

Fundraiser arbeiten mit üblen Methoden.
(Fundraising innovativ, September 2008)

 

Wir im Westen nehmen uns das Recht heraus, die Schicksalsgeschichten anderer Menschen, die nicht die gleiche Möglichkeit haben, sich darzustellen, weltweit zu präsentieren. Rumänische Heimkinder, in deren Namen Gelder gesammelt werden, haben keine Stimme. »Die Initiativen besitzen die von ihnen versorgten Schicksale und vermieten die an Paten«, so die pointierte Aussage des Autors.
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

»Der Freikauf aus der Unvollkommenheit des Normalbürgers einer Industrienation führt übers Spendenkonto«, schreibt Glück und fordert Geldgeber auf, Hilfsorganisationen kritischer zu beleuchten. Allein die 39 größten Vertreter der Hilfsorganisationen in Deutschland verfügten 2003 über Spendengelder in der Höhe von 1,1 Milliarden Euro — doch nicht einmal die Hälfte der Charity-Giganten legte Rechenschaft über die Verwendung dieser Mittel ab.
(Der Standard, 18. September 2008)

 

Den Vorwurf, den Glück vielen Organisationen macht, ist, daß sie ihre »Hauptenergien nicht auf die Straffung des Verwaltungsapparats, die künftige Entbehrlichkeit der Hilfsarbeit oder andere Möglichkeiten zur Kostendämpfung legen …, sondern ganz überwiegend auf die Erschließung neuer und immer neuer Geldströme und die Pflege der bereits vorhandenen.«
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

Interessant ist, daß auch Themen behandelt werden, die auf den ersten Blick nichts mit Spenden zu tun haben: Adoption und Genitalverstümmelung. Diese Kapitel gewähren besonders tiefgründige und neue Einblicke in die Motive von Wohltätern.
(Amazon-Kundenrezension, 29. Oktober 2008)

 

Was auch mir verallgemeinerbar erscheint, ist Glücks Vorwurf, daß alle Hilfsorganisationen die »Unordnung des realen Lebens« in ihren Darstellungen ausblenden und die ihrer Arbeit innewohnenden Widersprüche, Rückschläge und Dilemmata verstecken.
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

Glück besitzt eine sehr flotte, ansprechende Schreibe und eine bildreiche Sprache. Daß es aber in seinem Buch um ein sehr ernstes Thema geht, gerät dabei nie in den Hintergrund. Dies ist eine der großen Stärken des Buches. Eine weitere Stärke des Buches besteht in dem Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten.
(Deutscher Fundraising-Verband, 28. Oktober 2008)

 

Ein Aufruf zu deutlich mehr Effizienz, Transparenz, offeneren Kommunikation und Selbstreflektion in Spendenorganisationen, der mich als Fundraiser sehr nachdenklich zurückgelassen hat.
(Fundraiser-Magazin, Dezember 2008)

 

Das Spenden, so die Quintessenz, stabilisiert die Ausbeutung, es mindert nur die negativen Folgen einer verbrecherischen Politik, stellt sie aber nicht in Frage. Und damit lebt es sich für uns Spender ganz gut. Es sind diese Schlußfolgerungen, die den Leser zum Weiterdenken anregen, weil sie eine billig gewordene Sozialbehaglichkeit in Unbehagen verwandeln.
(Buchhändler heute, September 2008)

 

Glück berichtet von Organisationen, die Spender voneinander abschirmen, um Patenkinder mehrfach zu vermitteln. Andere meinen ihre lokalen Partnerorganisationen besonders kontrollieren und erziehen zu müssen, z. B. indem sie darauf drängen, lokale kulturelle Praktiken, die mit ihrem christlich geprägten Wertekanon nicht übereinstimmen, zu verbieten.
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

Eine seiner stärksten Passagen ist die Diskussion über Werte-Imperialismus, welche er am Beispiel von Frauenbeschneidungen vornimmt… Wichtige Fragen, die auch in jedem Fundraising-Seminar diskutiert werden sollten und immer wieder auf die Tagesordnung gehören. Hier besteht in der Tat ein erhebliches Defizit bzw. blinder Fleck im Fundraising.
(Fundraising innovativ, September 2008)

 

Das Engagement vieler kleiner Vereine betrachtet Glück differenziert.
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

Der Autor spart nicht mit Kritik, stellt aber deutlich heraus, daß er das Spenden als solches befürwortet.
(Amazon-Kundenrezension, 29. Oktober 2008)

 

Die von vielen Organisationen und Spendern gelebte »Charity-Romantik« zerstört der Autor gnadenlos. Sein Ziel ist es, Spender kritischer und aufmerksamer zu machen.
(Fundraiser-Magazin, Dezember 2008)

 

Mit dem Gefühl, persönlich eh nicht viel am Leid anderer verändern zu können, öffnen Spender gerne ihre Geldbörsen. Und das Potential der Spender ist enorm. Allein in Deutschland gehe es um einen Markt von geschätzten 2,5 Milliarden Euro, die Jahr für Jahr gespendet werden — und das auch, weil einem suggeriert wird, mit einer Spende könne man sein Gewissen erleichtern.
(Der Standard, 18. September 2008)

 

Alle Kapitel … können mit Gewinn auch einzeln gelesen werden.
(Stiftung&Sponsoring, 2/2009)

 

Der Spendenkomplex prangert an, daß viele soziale Initiativen ihre Spender massiv manipulieren... Die Darstellung fremder Lebenswelten verkommt zum Klischee. »An die Stelle des Mitgefühls tritt ein Surrogat aus Fakten, Propaganda und Gefühlsansprache.«
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

Fragen, die zum Weiterdenken anregen, insbesondere im hinteren Teil des Buches. Wer sich einen — manchmal verzerrten — Spiegel vorhalten lassen will, sollte unbedingt in dieses Buch schauen.
(Fundraising innovativ, September 2008)

 

Das Buch ist analytisch, teilweise akribisch, und verfällt doch immer wieder in eine geradezu ätzende Polemik, wohl aus dem Kalkül heraus, daß sich sonst nichts ändern wird.
(Fundraiser-Magazin, Dezember 2008)

 

Glück argumentiert differenziert, sachkundig und entschieden. Der Duktus ist klar und präzise, der Ton mitunter ätzend und aggressiv; gespart wird nicht an konkreten Beispielen.
(Stiftung&Sponsoring, 2/2009)

 

Seine Ansichten äußert der Autor dezidiert, aber nicht dogmatisch. Wo er andere Meinungen zur Sprache kommen läßt, geschieht dies ohne Scheu vor der Kontroverse… Der Text präsentiert sich griffig und lebhaft, was sicher zum Ziel des Verfassers beiträgt: den Leser zum Denken anzuregen.
(Amazon-Kundenrezension, 29. Oktober 2008)

 

Wie man spätestens nach der Lektüre von Glücks Buch weiß, dreht sich die Arbeit vieler Organisationen mindestens ebenso um den Selbsterhalt wie um die Beförderung effektiven sozialen Fortschritts.
(Joana Breidenbach, www.betterplace.de)

 

Alexander Glück zeigt in seinem Buch nicht nur Negativbeispiele auf, sondern weist auch darauf hin, daß es Organisationen gibt, die sehr gute Arbeit leisten, und Spender, die verantwortungsbewußt handeln. Wünschenswert wäre es, daß durch die Lektüre des Buches zahlreiche weitere positive Beispiele hinzukommen.
(Deutscher Fundraising-Verband, 28. Oktober 2008)

 

Das bemerkenswerte Buch endet mit einem Plädoyer für ein reflexfreies, dafür aber reflektiertes Spenden.
(Stiftung&Sponsoring, 2/2009)

 

 

Hier können Sie einen Kommentar hinterlassen!

 

Sprengstoff für die Spendendiskussion!

 

Wofür spendet man?
Was geschieht mit den Spenden, wie wirken sie?
Wie funktionieren und wie animieren Spendenorganisationen?
Welche Motive begleiten das Spenden?

 

Angesichts wachsender Hungersnöte in vielen Regionen der Welt wird die Frage nach gerechter Umverteilung immer dringlicher. Nicht nur der jüngste Skandal um das Kinderhilfswerk UNICEF läßt viele Spender aber am Sinn des organisierten Massenspendens zweifeln. Zuviel Geld geht für Organisation und Akquisition von Spenden verloren, zu viele Spenden erreichen nicht ihr Ziel oder zementieren eine kolonialistische Ausbeutung.

Alexander Glück, der selber einem Hilfswerk für rumänische Kinderheime zugearbeitet hat, untersucht aber nicht nur die zweifelhafte Effektivität vieler Spendenorganisationen, sondern genauso kritisch und aufschlußreich die Motive der Spender selbst. Es geht um Emotionen und Reflexe (die von den Organisationen oft manipuliert werden), es geht um gönnerhafte Gesten, mit denen ein schlechtes Gewissen erleichtert wird, es geht um selbsternannte Samariter, bei denen demonstriertes Mitleid allein der öffentlichen Imagepflege dient, und es geht um den Schaden, den selbstherrliches und falsch organisiertes Spenden bei den Adressaten, den Hilfsbedürftigen, anrichtet. Das bedeutet aber keineswegs eine grundsätzliche Ablehnung des Spendens. Die sehr differenzierte, scharf argumentierende und mit konkreten Beispielen illustrierte Kritik der gegenwärtigen Spendenpraxis mündet vielmehr in konkreten Vorschlägen: Was muß sich ändern, damit Spenden wieder Helfen bedeutet?

 

Die erste kritische Bestandsaufnahme unserer Spendenkultur. Seit September 2008 im Handel.

 

 

Leseproben

 

Das neue Bettelmanagement wirkt integer, es kündet von sozialem Verantwortungsgefühl und klingt ein bißchen nach Jet Set. Immerhin geht es allein in Deutschland um einen Markt von zweieinhalb Milliarden Euro, die Jahr für Jahr gespendet werden. Rechnet man alle spendenähnlichen Beiträge hinzu, kommt man fast auf das Doppelte. Zum Vergleich: Der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung lag im Jahr 2007 bei 4,5 Milliarden Euro, von denen ungefähr ein Drittel an Organisationen wie UNICEF und etwa ein Achtel an nichtstaatliche Organisationen fließen. Alles in allem wenden die Deutschen also rund sieben bis 9,5 Milliarden Euro pro Jahr für diesen Bereich auf, Zeitspenden nicht eingerechnet. Einhundert Euro pro Kopf und Jahr: ein mäßiger Tribut für den Dauerplatz auf der vermeintlichen Sonnenseite, die jedoch für immer mehr Menschen gar nicht so sonnig ist.

Fundraising ist das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen. »Mit viel Phantasie möglichst viel Geld für den Verein besorgen!« – so bringt es die Titelseite einer Fundraising-Yahoogruppe auf den Punkt. Folgt der Dialog zwischen Fundraiser und Unternehmen den kühlen Gesetzen erfolgreicher Unternehmenswerbung, so zielt er doch auf die Emotionen der Stakeholder. Bei der Bearbeitung des Einzelspenders ist weit mehr auf der Moll-Tonleiter zu spielen, denn hier kann der Fundraiser nicht auf das Marketing-Kalkül seines Gegenübers rechnen, sondern muß dessen Herz und sein Selbstbewußtsein treffen. Der Spender wird hier überwiegend emotionalisierend angesprochen, bis hin zur Aktivierung seines Selbstwertgefühls. Die Ansprache des Spenders zielt darauf ab, ihn emotional aufzuladen und ihm zur Wiederherstellung seiner Behaglichkeit eine Entladungsmöglichkeit anzubieten. Die Spende wird buchstäblich durch eine Gefühlskontraktion freigesetzt. Riesige Beträge werden in Kampagnen investiert, deren unmittelbares Ziel nicht die Behebung von Not und Elend ist, sondern das Aktivieren neuer Spenden durch das Wechselspiel von Aufladung und Entladung. In diesem Spendenmarketing verdienen viele ihren Lebensunterhalt, sie leben genau so von Spenden, wie jemand aus der Werbewirtschaft von den Einschaltungen lebt und letztlich von der durch sie mitverursachten Umsatzsteigerung…

u

Wir leben heute in einer Zeit, in der allerorten die Nähte platzen, und unsere Hilfe scheint noch lange nicht entbehrlich zu sein. Aber durch die Berechenbarkeit und Reflexhaftigkeit unserer Hilfsbereitschaft werden diejenigen, die zu einer Veränderung der Gesamtsituation beitragen können, dazu ermuntert, genau dies zu unterlassen. Die Hilfsbereitschaft läuft dann Gefahr, das Gegenteil dessen zu bewirken, was beabsichtigt war. Und noch ein weiterer Aspekt ist hierbei von besonderer Bedeutung: Etwa Mitte April 2008 ging eine Stellungnahme des IWF durch die Medien, nach der das deutliche Ansteigen der Lebensmittelpreise zu Hungerkatastrophen und Mangelernährung führen wird. Diese Prognose betrifft keineswegs nur die Entwicklungsländer, sondern sehr schnell auch unseren Teil der Welt. So wichtig spontane Hilfe am jeweiligen Ort auch sein mag: Das emotionale Spenden verzerrt die Bedarfssituation und erschwert ihre Evaluierung. Und was einmal »nach irgendwo« gespendet ist, steht dem Spender natürlich später nicht mehr zur Verfügung, wenn es womöglich einen dringenderen Bedarf an anderer Stelle geben wird. Darin liegt eine der Ursachen für die sehr geringe Bereitschaft, Geld für die Katastrophenopfer in Birma zu spenden.

Auch im reichen Europa entwickelt der Geldstrudel des Kapitalismus immer stärkere Zentrifugalkräfte. Die riesigen Spekulationsverluste im Zuge der Subprime- und Bankenkrise, angerichtet durch abgehobene und verantwortungslose Zocker, wirken sich schon jetzt unmittelbar auf den einzelnen Bürger aus. Wir wissen nicht, wie lange das höchst fragile Wirtschafts- und Kapitalsystem noch halten wird, es mehren sich aber die Anzeichen dafür, daß es vor dem Kollaps steht. In dem Augenblick, in dem unsere Wirtschaft in den Orkus fährt, wird nicht nur kein Geld mehr dafür aufgebracht werden können, Not und Elend in den klassischen Mangelregionen zu lindern, sondern es wird auch bei uns an vielem fehlen, ohne daß wir uns darauf verlassen können, von unseren einstigen Schützlingen verpflegt zu werden — nicht nur, weil unsere Variante der Mildtätigkeit ein Charakteristikum der hiesigen Lebensart ist, das anderswo in dieser Form nicht vorausgesetzt werden kann, sondern auch, weil man dann in Afrika oder Asien nicht unbedingt mehr zur Verfügung haben wird als heute.

u

Es ist die Empathie, die uns veranlaßt, anderen in ihrer Not beizustehen. Man könnte es als das »Elend der Empathie« bezeichnen, was einigermaßen fühlend gebliebene Menschen immer wieder an sich selbst erleben: Wie sehr man von den Schicksalsschlägen um einen her persönlich berührt wird, und wie sehr man nach innen krampft und nach außen ringt, um diese eigene seelische Teilnahme am Leid seiner Mitmenschen zu verarbeiten, zu überwinden oder — im ungünstigeren Fall — zu betäuben. Aber das Elend der Empathie ist zugleich auch ihr Segen, denn es ist dasselbe innere Brennen, das zu einer langen und überaus wirkungsvollen Tradition der tätigen Hilfsbereitschaft geführt hat. Es ist der Segen der Empathie, daß wir überhaupt zu sozialem Denken in der Lage sind, unsere Mitgeschöpfe retten wollen und uns weitgehend auch selbst darauf verlassen dürfen, in Notfällen Beistand zu finden. Was in den Kapiteln dieses Buches kritisiert wird, ist hingegen gerade nicht die aus echtem Mitfühlen geborene soziale Tat, sondern die Betäubung und Kommerzialisierung unseres Mitfühlens: die allzu schnelle Entspannung, die umgehende Wiederherstellung der Behaglichkeit, die Kontrolle sozialer Reflexe durch anonyme Marktstrategen.

An die Stelle des wirklich empfundenen Mitgefühls tritt ein Surrogat aus Fakten, Propaganda und Gefühlsansprache. Die Ursachen der Lebensverhältnisse in den Zielregionen werden uns verschwiegen, obwohl wir sie ändern könnten. Die Lebensgestaltung der Spendenempfänger wird in die Sprache unserer Vorurteile und Moralvorstellungen übersetzt, wie auch im Falle christlich orientierter Hilfswerke die abendländischen Tugenden und Lebensregeln missionarisch durchgesetzt werden. »Viele Projekte wurden über kirchliche Organisationen finanziert«, läßt sich ein Kenner der rumänischen Szene im Internet zitieren, »und wenn die nicht im Jahr genug Seelen gefangen haben, dann stampfen sie die Projekte einfach wieder ein«. Ganz so selbstlos, wie es aussehen soll, wird die Suppe also nicht verteilt. Der ferne Mensch wird auf Briefe und in Prospekte gedruckt, vor unserer Spende zeigt man ihn mit verdrießlichem Gesicht, hinterher glücklich und zuversichtlich. Die Wirklichkeit läßt sich nicht in solche Schablonen pressen, und wenn es dennoch geschieht, so dient der Aufwand der Akquise durch Ausbeutung, dem Fundraising durch Instrumentalisierung.

u

Sowohl die Gleichgültigkeit gegenüber anderen als auch die schnelle und unbedachte Gabe allein zugunsten des sozialen Ansehens oder Selbstbilds haben sich bequem miteinander arrangiert: Wir tun im Grunde nichts, betäuben diese Erkenntnis aber mit astronomischen Geldströmen, von denen uns im Grunde nicht interessiert, wo genau sie landen und welcher der Charity-Manager fürs Durchwinken der Summen wie entlohnt wird. Diese Strukturen gehören geknackt. Wenn ein Bewußtsein entsteht, das die Notwendigkeit planmäßiger und spontaner Hilfestellung abseits von emotionalen Reflexen und Manipulationen, abseits vom Bettelgesang der Werbebriefe und von der hochgradig unredlichen Tränendrüsenmentalität der Fernseh-Spendenaktionen, abseits aber auch von unseren eigenen Selbsterhöhungsansprüchen erkennt, dann ist nicht nur das Potential der Spender mit ihren auch immateriellen Angeboten größer, sondern die ganze Angelegenheit sowohl integrer als auch stabiler.

 

Der Verfasser

 

Alexander Glück, geboren 1969 in Osinga, widmete seinen Zivildienst dem Rettungswesen und blieb anschließend während seines sozialwissenschaftlich-geschichtlichen Studiums dem medizinischen Bereich als Pflegehelfer auf einer Akutstation verbunden. Er lebt und arbeitet seit 1996 als Publizist in Wien und Hollabrunn. Während seines Engagements für Hilfswerke in Rumänien ab 2003 beobachtete er aktiv, nicht zuletzt an sich selbst, die Kooperationsstrukturen zwischen Helfern und Unterstützern. Seine Bilanz ist in diesem Buch zusammengefaßt. Alexander Glück schrieb unter anderem für die »Frankfurter Rundschau«, den »Stern«, den »Standard« und »Die Presse«. Nähere Informationen über Alexander Glück erhalten Sie hier.

 

Das Buch

 

ALEXANDER GLÜCK

DER SPENDENKOMPLEX

Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen

Berlin: Transit-Verlag, 2008

183 Seiten

Klappenbroschur

€ 16,80 (D) / sFr. 31,00

Auslieferung: 27. August 2008

ISBN 978-3-88747-234-4

 

Ich investiere ständig in eine bessere und schnellere Büroausstattung!

Ihr kleiner Beitrag zahlt sich aus. Danke!


Just Foreign Policy: Tote Iraker wegen der US Invasion


A l e x a n d e r _ G l u e c k